Sonntag, Dezember 31, 2006

Doppel-Lehrgang in München

Am 16. und 17. Dezember fand in München ein Karate-Lehrgang mit Ishikawa-Sensei statt. Der japanische Meister ist Träger des 8. Dan und zweifellos eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Pusteblume und ich hatten schon drei Monate im Vorhinein beschlossen, nach München zu fahren und am Lehrgang teilzunehmen. Unser Ziel dabei war, nicht nur ein erstklassiges Training zu genießen und neue Anregungen zu bekommen, sondern auch Michael, den Ausrichter, zu besuchen und mit unserem Erscheinen zu überraschen.
Für mich persönlich stellte sich ein kleines Problem. Ratschke-Sensei, bei dem ich selbst trainiere, gab zur selben Zeit in derselben Stadt einen Lehrgang. Ich wollte ihm nicht zufällig in München begegnen, ohne seinen Lehrgang besucht zu haben, so dass ich ihn in unser Vorhaben einweihte, uns Anregungen von der „Konkurrenz“ holen zu wollen. Natürlich hatte er nichts dagegen und so stand dem Unterfangen nichts mehr im Wege.

Wir starteten bereits am Freitag, dem 15. Dezember, um nicht mitten in der Nacht aufbrechen und quasi aus dem Auto ins Training fallen zu müssen. Außerdem war da ja noch unsere Überraschung für Michael, der nichts von unserem Erscheinen wusste. Wir hatten ihm und seiner Familie ein Lebkuchenhäuschen gebastelt und wollten gern als persönlicheren Übergaberahmen das Freitagstraining in seinem Dôjô nutzen. Wir kamen viel zu früh an und bezogen zunächst die Unterkünfte. Aufgrund einer Falschauskunft landeten wir immer noch zu früh in der Turnhalle und hatten so die Möglichkeit, das Kinder- und Anfängertraining zu beobachten. Belustigt musste ich feststellen, dass es auch in München problematisch ist, die kleinen Unruhestifter im Zaum zu halten und dazu zu bewegen, dass zu tun, was man ihnen sagt. Kinder sind eben Kinder.

Unsere Überraschung glückte und Michael freute sich, uns zu sehen. Ich habe sein Training zum wiederholten Male sehr genossen und bemühte mich, die zahlreichen Tipps umzusetzen. Ein fordernder und kritischer Trainer ist ein guter Trainer. Es gab von allem etwas: Kihon, Kata und Kumite. Wer mich kennt, weiß, wie sehr ich Kumite „liebe“. Aber ich bemühe mich … naja, wohl mehr schlecht als recht :’-(. Und dann durfte ich im krönenden Finale auch noch gegen Michael persönlich antreten. Ich wäre lieber im Erdboden versunken.
Aber auch das ging vorbei und danach gab es für uns eine Überraschung. Auf der Empore standen André und einige seiner Kôhai. André ist ein Trainingspartner aus alten Zeiten, den es mittlerweile nach Leipzig verschlagen hat. Die Wiedersehensfreude war groß. Alle zusammen gingen lecker Essen. Ishikawa-Sensei und Marie Niino waren ebenfalls zu uns gestoßen und ließen sich die bayerischen Köstlichkeiten mit uns schmecken.

Am Samstag und Sonntag dann fand der Lehrgang statt. Auch ich kann mich dem allgemeinen Konsens darüber nur anschließen, dass die Organisation super funktionierte. Für diejenigen, die in der Halle übernachtet hatten, begannen die Morgen jeweils mit einem gemeinsamen Frühstück, auf das das Training folgte. Eine Eigenheit Ishikawa-Senseis ist es wohl, dass seine Trainingseinheiten mindestens zwei Stunden umfassen. Ich war sehr schnell froh darüber, mich vorher bereits erwärmt zu haben – und das, obwohl Marie Niino die offizielle Erwärmung übernahm.

Ishikawa-Senseis Training war … nunja … gewöhnungsbedürftig. Deutlich zu erkennen waren die Einflüsse von Asai-Sensei, seinem Meister. Es fällt mir sehr schwer, verständlich zu beschreiben, was wir in den insgesamt beinahe sieben Trainingsstunden geübt haben. Meiner Meinung nach war es eine Vorstufe für Kihon und damit auch Kata sowie Kumite. Es handelte sich im Grunde genommen um gymnastische Übungen, die langsam zu Grundschulformen ausgebaut wurden.
Die Übungen hatten es in sich und ich möchte nicht behaupten, dass alles, was Ishikawa-Sensei vorführte und verlangte, wirklich „gesund“ war. Es gab mehr als eine Übung, deren tatsächlichen Sinn ich nicht verstand und deren Ausübung mir Probleme bereitete. Ausführungsprobleme zeigten sich aber durch alle Altersklassen und Graduierungen hindurch. Der Sensei bat immer wieder Schüler nach vorn, um sie vor allen anderen zu korrigieren. Teilweise durften auch zwei Schüler in einer Art Wettkampf gegeneinander antreten. Diese Methode hat mir nicht gefallen, weil die Trainierenden auf unfeine Art vorgeführt wurden. Um jemanden auf seine Fehler hinzuweisen, bedarf es solcher Methoden nicht. Ich glaube, dass es unter den etwa einhundert Anwesenden sowieso keinen einzigen gab, der alle Übungen zur Zufriedenheit des Meisters hätte ausführen können.
Trotzdem brachte mir das Training viel. Besonders in körperlicher Hinsicht habe ich meine Grenzen schnell ausloten können. Ich werde an einigen Dingen arbeiten, ganz besonders Dehnungen verbessern und gezielt Kraft aufbauen. Mir ist allerdings auch klar, dass ich nicht den drahtigen Körperbau eines schätzungsweise zwanzig Kilogramm leichteren Japaners habe – auch wenn er doppelt so alt wie ich sein mag. Das bedeutet, dass ich niemals alle Dinge perfekt beherrschen kann, die Ishikawa-Sensei von mir verlangt. Auch meine Knieverletzung wird mich dauerhaft davon abhalten. Neue Trainingsziele, denen anatomische Eigenheiten nicht im Weg stehen, sind jedoch weiterhin, die Hüftarbeit, Koordination und vor allem Geschwindigkeit zu verbessern.
Im abschließenden Training wurden die Grundübungen zu einer Kumiteform ausgebaut. Die Braun- und Schwarzgurte durften ihre Übungen vorführen, während die restlichen Farbgurte – wofür ich sehr dankbar war – dabei zusahen. Weniger dankbar war ich dafür, als Blaugurt von der Kata-Vorführung ausgeschlossen zu sein. Die Braungurte zeigten Bassai Dai und Jion, die ich beide kannte, der ein oder andere Betroffene offenbar jedoch nicht, und die Schwarzgurte Sôchin und Gojushiho Sho. Persönlich hätte ich es besser gefunden, wenn Ishikawa-Sensei nachgefragt hätte, wer die entsprechenden Katas kennt und diese unabhängig von Graduierungen hätte üben lassen. Dies war nun mein erster Lehrgang völlig ohne Kata.

Aber es gab ja noch den zeitgleichen Lehrgang mit Ratschke-Sensei. Ein Blick in die Ausschreibung und die Programmierung des Navigationssystems zeigten, dass nur die ersten beiden Trainingseinheiten am Samstagmorgen so eng lagen, dass sie nicht beide gemeistert werden konnten. Das Gespräch mit André und seinen Leuten weckte deren Interesse, so dass wir am Samstag nach der zweiten Ishikawa-Einheit noch zu meinem Sensei fuhren. Dieser war sehr überrascht und freute sich, uns zu sehen. Vielleicht als Dankeschön gab es prompt die Kata „Jitte“ – und zwar mit Bunkai. Es war nicht ohne, nach den viereinhalb Ishikawa-Stunden noch zwei Ratschke-Stunden durchzustehen, aber es lohnte sich wirklich. Sensei gab mir viele hilfreiche Tipps und ich freute mich riesig, doch noch zu meiner Kata gekommen zu sein. Die zweite Trainingseinheit bei ihm am Sonntagmittag brachte viel Kihon in Form von Prüfungsprogrammen sowie ein wenig Kumite. Auch hier nahm er sich wieder viel Zeit, jeden einzelnen zu korrigieren und in familiärer Atmosphäre Hinweise zu geben und Korrekturen durchzuführen.

Den Samstagabend verbrachten wir auf dem Münchner Weihnachtsmarkt und daran anschließend im „Augustiner“. Das Essen war wiederum vorzüglich, die Bedienung leider nicht. Mit vollem Magen und zu später Stunde zogen wir erneut durch die Stadt und wurden in Stadtgeschichte und Sehenswürdigkeiten eingeführt. München hat wirklich viel zu bieten und ist einen Besuch wert. Es lohnt sich, Zeit mitzubringen, um die Vielfalt auch nur annähernd erfassen zu können.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es ein anstrengendes, lehr- und erfahrungsreiches Karate-Wochenende war. Ich habe in eineinhalb Tagen schätzungsweise zehn Stunden trainiert und keine Minute davon bereut, obgleich mir nicht jeder Sinn gewahr wurde. Es gab glücklicherweise keine Muskelkater und keine Wadenkrämpfe, was mich der Überzeugung näher brachte, langsam meine alte Form wiederzuerlangen. Ich hatte viel Spaß im Training, aber auch sehr ernüchternde und desillusionierende Momente. Besondere Freude empfand ich darüber, bestimmte Leute wiedergesehen, andere überrascht und wieder andere kennengelernt zu haben. Mein besonderer Dank gilt den Senseis Ishikawa, Ratschke und Schölz. Es war nicht wirklich schön mit Euch, aber dafür gut *verneig*. Arigato gozaimashita! Und … München, ich liebe Dich!

nanna

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