Anfang dieses Jahres fand ich ihn wieder: einen Geschenk-Gutschein aus dem Jahr 2003 für eine Shiatsu-Massage in den Schwaben-Quellen in Stuttgart. Beinahe war er in Vergessenheit geraten. Weil es sich um ein herzliches Geschenk von lieben Freunden handelte, wollte ich ihn unbedingt noch einlösen, bevor er zum Jahreswechsel verfällt. Spontan erklärte sich eine Stuttgarter Bekannte bereit, mich zu begleiten. Wir machten einen Termin aus, der auf gestern morgen fiel. So weit, so gut. Nun lebe ich ja nicht gerade in Stuttgarts näherer Umgebung, womit sich die Frage des Transports stellte. Altbewährter Weise entschloss ich mich, eine Mitfahrgelegenheit zu nutzen. Leider fand ich nur eine für die Hinfahrt. 15 Euro, dreieinhalb Fahrstunden und drei nette Reisebegleiter später kam ich gestern mitternächtens in Stuttgart an. Schließlich wollte ich nicht zu viel Zeit für das Massage-Unternehmen opfern. Ein lieber Freund hatte sich ganz kurzfristig bereit erklärt, mich für die Nacht aufzunehmen und mich sogar am Hauptbahnhof abgeholt.
Gestern früh traf ich dann meine Bekannte und wir machten eine halbe Stadtrundfahrt, um in das berühmte SI-Zentrum zu kommen, das auch die Schwaben-Quellen und den Vita-Parc beherbergt. Meine Bekannte hatte sich für eine „Hot-Chocolate“-Behandlung entschieden, während ich bedingt durch die Erkrankung des Shiatsu-Therapeuten auf die „Aurora“-Anwendung umschwenkte. Während wir warteten, kam ein blinder Masseur an uns vorbei, was uns zu Spekulationen über unsere Therapeuten hinriss. Meine Bekannte meinte, ein blinder Masseur wäre ideal, weil sie als Frau mit nicht gerade Modell-Maßen sich bei ihm wohler fühlen würde. Ich scherzte und entgegnete, dass bei mir zum Verwöhnprogramm auch die Befriedigung des Auges gehört und ich einen Masseur im Adonis-Körper erwartete. Nicht lange darauf wurden wir kurz nacheinander von unseren Therapeuten abgeholt. Meine Bekannte bekam anstelle des blinden Masseurs eine Frau zugewiesen und ich statt des erträumten Adonis den blinden Masseur ;-).
Er führte mich ein winziges, halbdunkles Kämmerlein und hieß mich meinen Bademantel abzulegen. Plötzlich war auch ich glücklich, dass er blind war. Es ist gar nicht so einfach, sich völlig nackt dem anderen Geschlecht zu präsentieren. Es gehört viel Vertrauen dazu, weil man sich sonst unwohl fühlt. Nachdem ich mich auf die Massage-Bank gelegt hatte, bedeckte er meinen Unterkörper mit einem Tuch. Dann widmete er sich zunächst meinem Rücken - seitenweise. Drei Handgriffe und ich war geschmolzen. Ich schloss die Augen und lauschte den sanften, meditativen Klängen des CD-Spielers, dem Geräusch der überlauten Lüftung, dem Klingeln des Telefons an der Rezeption und den Gesprächen vor der Tür. Ich war überrascht, wie sicher sich mein sehbehinderter Masseur in seinem kleinen Reich bewegte und vor allem, wie sicher und gezielt er seiner Tätigkeit nachkam. Er hat keinerlei Probleme damit, die Tücher oder Stützen richtig zu platzieren oder das Öl zielsicher aufzutragen. Nach wenigen Minuten hatte er mein momentane Schwachstelle erspürt und widmete sich besonders meiner linken Schulter. Dann bedeckte er meinen Oberkörper und wandte sich der Rückseite meiner Beine und den Füßen zu. Und das, wo ich doch ein furchtbar kitzliger und alberner Mensch bin! Aber meine ursprüngliche Befürchtung, diese Berührungen nicht ertragen zu können, zerstreuten sich sehr schnell. Mein Therapeut wusste, wie er mich anzufassen hatte. Nach der Rückseite der Beine war die Vorderseite derselben an der Reihe. Daran schlossen sich Bauch, Arme und Hände an. Ich wünschte, er würde ewig weitermachen und stellte fest, dass es mir schwer fallen würde, mich wieder von der Liege zu erheben.
Nachdem die Massage beendet war, trug er ein Ganzkörper-Peeling auf. Ein komisches Gefühl. Plötzlich dieses schrubbende Gefühl auf der Haut. Den Ellbogen und Knien widmete er sich besonders. Nach insgesamt sechzig Minuten war das Vergnügen vorbei. Ich durfte den Sand des Peelings abduschen und war entlassen. Danke, Thomas. Es war sooo schön…
Meine erste Ganzkörpermassage. *seufz* Ich will mehr!!! Ich kann so etwas wirklich nur empfehlen. Und Leute: Es ist wirklich ein Unterschied, ob Euch ein Amateur oder ein Profi massiert! Auch, wenn es sich für meine Begriffe um ein beinahe übermäßig teures Vergnügen handelt, das ich mir persönlich wohl äußerst selten gönnen würde. Meine Begleiterin war ebenfalls völlig überzeugt und wünscht sich zum nächsten Anlass wieder ein Verwöhnprogramm. Ihre Hot-Chocolate-Anwendung war zwar eher eine Schönheitsbehandlung statt einer Massage, aber auch sie hat das Prozedere sehr genossen. Das völlig neue Hautgefühl danach besonders. Übrigens kann man diese Schokolade leider nicht essen. Für die Anwendung wird sie mit Stoffen versetzt, die sie ungenießbar machen und auch „roh“, ist der Kakao-Gehalt so hoch, dass sie einfach nur widerlich bitter schmeckt. Ich durfte probieren :-).
Was mich während der Massage bewegt hat, war die Frage, wie mein Masseur meinen Körper wahrnimmt. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, er könne die Aura spüren und die Verspannungen bzw. Problemstellen „sehen“. Ich wollte ihn danach fragen, aber ich war so weit weg, dass ich den Mund einfach nicht aufbekam. Im Nachhinein bedaure ich es beinahe. Ich habe das unbestimmte Gefühl, er hätte mir mehr über mich, meinen Körper und dessen Bedürfnisse erzählen können als jeder Orthopäde oder Physiotherapeut. Außerdem wäre ein solches Gespräch dahingehend wertvoll gewesen, unseren blinden Mitmenschen und deren Wahrnehmung und Verständnis der Welt ein Stückchen näher zu kommen.
Nach dem entspannenden Erlebnis im SI-Zentrum ging es direkt zum Hauptbahnhof. Für den Rückweg hatte ich keine Mitfahrgelegenheit gefunden und konnte mich am Fahrkartenschalter eines Schmerzenslautes nicht verwehren, als mir die freundliche Verkäuferin ein Ticket für 37 Euro verkaufte. Dieses war durch die BahnCard50 bereits um die Hälfte des Normalpreises reduziert! Hinwärts hatte ich weniger als die Hälfte davon gezahlt und war über eine Stunde schneller, ohne mir einen Platz suchen oder umsteigen zu müssen. Liebe Bahn: Das ist einfach zu teuer!!! Bahnfahren wird immer mehr zum Privileg der Leute, die es sich leisten können. Das kann nicht das Unternehmensziel sein!!! Hätte ich in Mannheim nicht einen einstündigen Zwischenstopp gemacht, um einen lieben Freund zu besuchen, hätte ich meine Verbindung gar nicht halten können und schon dort meinen ersten Anschlusszug aufgrund von Verspätungen verpasst. Ich wäre also durch Verspätungen eine Stunde später gewesen und damit von Stuttgart nach Erfurt fast sechs Stunden unterwegs. Für diesen Preis ein Unding! So verkürzte sich nur mein geplanter Aufenthalt, so dass mich das Schicksal noch mit einer Ex-Kommilitonin zusammenführte, worüber ich mich sehr freute. Das Leben bietet so viele Überraschungen…
Zusammenfassung:
75-Euro-Gutschein plus 1-stündiges-Vergnügen der besonderen Art minus 75-Euro-Gesamtaufwendungen minus 10-Stunden-Gesamtfahrtaufwand ist gleich eine verrückte Unternehmung.
nanna
Mittwoch, Dezember 13, 2006
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