Sonntag, Dezember 31, 2006

IMAF-Lehrgang in Elpersbüttel

Nachdem wir erst vor zwei Wochen den tiefen Süden unserer Bundesrepublik besucht haben, fuhren die Pusteblume (Link auf Blog) und ich nun zu einem Lehrgang der besonderen Art in den hohen Norden des Landes. Um ehrlich zu sein, fuhren nicht wir selbst, sondern ihr Freund Aladin uns. So ein Chauffeur ist schon was Feines ;-). Der Lehrgang fand am 28. Dezember in Elpersbüttel statt und wurde vom Kaishindo Honbu Dôjô Windbergen unter Leitung von Jörg Zydek ausgerichtet. Obwohl es sich nur um eine eintägige Veranstaltung handelte, versprach diese sehr interessant zu werden.

In einem ersten etwa zweieinhalbstündigen Trainingsblock beschäftigten sich die Übenden zunächst unter Anleitung von Kester M. Peters, dem Chief-Instructor der Protection Academy, mit Notwehr und Nothilfe, traditionellem Messerkampf und traditionellem Stockkampf. Der deutliche Schwerpunkt lag dabei auf dem Umgang mit dem Messer. Die Anwesenden hatten hierzu Plaste-, Gummi- oder Aluminium-Übungswaffen mitgebracht.
Peters-Sensei legte großen Wert auf den rechtlichen Hintergrund. Sehr gut fand ich, dass er die Übungswaffen zu Trainingsbeginn prüfte, um Verletzungen zu vermeiden. Eine anschauliche Demonstration mithilfe einer Gurke, eines Stückchens Leder und eines Holzbrettes zeigte besonders den anwesenden Kindern und Jugendlichen, wie gefährlich die Waffe „Messer“ sein kann und dass selbst im Haushalt vorsichtig mit dem Gerät umzugehen ist.
Das Training beschränkte sich auf die Vermittlung von sechs verschiedenen Messerangriffstechniken, die zunächst in Grundschulform und später mit dem Partner geübt wurden. Ebenfalls vermittelt wurden entsprechende Abwehrtechniken, inklusive Würfen und Hebeln. Ich persönlich habe zuvor noch nie mit einem Messer trainiert, so dass es sich quasi um eine Waffenpremiere handelte. Obgleich es sehr interessant war, mit einem Gegenstand zu üben, von dem ich annahm, ihn vom alltäglichen Gebrauch her zu kennen und zu beherrschen, überraschte mich doch die Vorsicht, mit der das Messer zu handhaben ist – allein, um sich nicht selbst zu verletzen. Eine unaufmerksame Sekunde und man fasst in die Klinge oder berührt diese anderweitig und schneidet sich damit selbst.
Ich habe festgestellt, dass das Messer zwar eine alltägliche, nicht jedoch meine Waffe ist. Auch muss ich gestehen, dass ich besonders einige (Bestandteile der) Abwehrtechniken im Ernstfall nicht anwenden würde. Instinktiv boten sich teilweise schnellere und effizientere Block- und Gegenangriffstechniken an, die ich persönlich bevorzugen würde. Ich habe mir auch ernsthafte Gedanken darüber gemacht, ob und wie sinnvoll es ist, einem Messer mit bloßen Händen entgegenzutreten und bin zu dem Schluss gekommen, den Gegner, sofern er noch im Besitz des Messers ist, möglichst auf Abstand zu halten.
Peters-Sensei sprach von den drei Distanzen: der kurzen (Nah- bzw. fast schon Ringkampf), der mittleren (Arm- und Beintechniken) und der langen. Für die lange empfahl er „den schmalen Fuß“ oder, wie es bei uns so schön heißt, die Füße in die Hand zu nehmen, also so schnell wie möglich wegzulaufen. Ich würde in jedem Fall versuchen, so schnell wie möglich eine große Distanz zum Messer herzustellen. Auch sollte man nie vergessen, um Hilfe zu rufen. Ich glaube, dass ein Kampf gegen einen bewaffneten Gegner in beinahe jedem Fall ein ungleicher Kampf ist, dem ich zu entgehen suchen würde. Es ist keine Schande, sich einzugestehen, der Schwächere zu sein. Manchmal zählt nicht Heldentum, sondern einfach nur das Leben. Es ist das kostbarste Gut, das wir haben. Mit bloßen Händen gegen Messer und Schusswaffen anzutreten, wäre eine Entscheidung, die ich nur im Angesicht des Todes treffen würde.


Auf eine abschließende Übung mit dem Kurzstock folgte das Kata-Training mit Stephan Yamamoto, auf das ich mich schon sehr lange gefreut hatte. Pusteblume und ich durften trotz unserer eigentlich zu niedrigen Graduierung daran teilnehmen und wurden so von dem alternativ laufenden Selbstverteidigungstraining befreit. Bereits die Erwärmung stellte für mich eine Trainingserfahrung der besonderen Art dar. Bislang habe ich mich eher durch aktive Bewegung erwärmt, Stephan jedoch ließ uns Übungen aus dem Shiatsu zur Erwärmung und Aktivierung der verschiedenen Meridiane machen, die in Form von Dehnungen eher passiver Natur waren.
Daran schloss sich Kihon an: Oi-Tsukis und Mae-Geris im Stand. Dann folgte etwas Idô in Form von Shuto-Uke. Die Kata „Heian Shodan“ sollte einen Einstieg in das Üben von Katas geben, allerdings war diese einem großen Teil der anwesenden Braun- und Schwarzgurte unbekannt. Mich hat das sehr verwundert, um nicht zu sagen bestürzt. Mir war bewusst, dass die meisten Leute dort Mitglieder der I.M.A.F sind, aber ich nahm an, dass bestimmte Katas auch ihnen bekannt wären, zumal die Heian Katas Basiselemente der höheren Katas enthalten und hervorragende Übungskatas darstellen. Taikyoku Shodan diente schließlich als Ersatz und eignete sich ausgezeichnet dazu, die Shômen- und Hanmi-Stellungen in der korrekten Ausführung zu üben.
Und dann kam Sôchin, eine der „Meisterkatas“. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich mich darum nie gerissen, zumal mir Sôchin- bzw. Fudo-Dachi bis drei Tage vor dem Training im wahrsten Sinne nicht geläufig war. Die Kata selbst hatte ich Ende November bei einem Lehrgang in zwanzig Minuten durchrennen dürfen, ohne zu wissen, was ich da eigentlich tue. Um besser vorbereitet zu sein, bat ich einen befreundeten Senpai, die Kata in dessen Weihnachtsspezialtraining etwas ausführlicher durchzunehmen. Für dieses besondere Training bin ich immer noch sehr dankbar. Es erlaubte mir, mich bei Stephan mehr auf die Technik als auf den Ablauf zu konzentrieren – und das war nötig.
Stephan übte zunächst die Bein- und Fußstellung mit uns, bevor er die Kata abschnittweise durchging. Ich war so froh, zumindest grob zu wissen, wohin ich musste und welche Bewegung die kommende sein würde. Die übrigen Braun- und Schwarzgurte hatten damit sehr zu kämpfen. Natürlich ging die Zeit viel zu schnell vorbei, aber wir schafften es trotzdem. Für einen späteren Lehrgang wünsche ich mir Wiederholung, Vertiefung und Bunkai bzw. Ôyô.

Nach dem Training zogen alle Interessierten in eine benachbarte Gaststätte um, wo Peters-Sensei einen Vortrag zum Waffenrecht sowie den grund- und strafrechtlichen Bestimmungen zum Tragen von Waffen, zu Nötigung, Erpressung, Körperverletzung und vielen weiteren damit zusammenhängenden Dingen hielt. Mir persönlich erschienen die angegebenen Strafmaße (im Schnitt etwa zwischen einem und 5 Jahren) durchweg allerdings sehr niedrig.
Von weitaus höherer persönlicher Relevanz war für mich der sich anschließende Vortrag von Stephan, in dem dieser über Saho, die Etikette im Dôjô, referierte. Es gab sehr viele Einblicke in Tradition und Zusammenhänge, die die Hintergründe für bislang unreflektiert ausgeführte Tätigkeiten darstellen und diesen damit Bedeutung und Leben einhauchen. So wurde darüber gesprochen, was Etikette überhaupt ist, wie man korrekt grüßt, wie ein Dôjô aufgebaut ist, welche Rangordnung es gibt und vieles mehr. Wert wurde auch auf die korrekte Aussprache der Begriffe gelegt. Wie wichtig diese ist, wird klar, wenn man weiß, dass ein Sensei (hinten mit „ej“) ein Lehrer und ein Senzai (hinten mit „ei“) ein Waschmittel ist. Eine positive persönliche Überraschung für mich war deshalb, dass in meinem Dôjô die japanischen Ausdrücke annähernd korrekt verwendet und ausgesprochen werden. Danke Sensei, für Dein persönliches Engagement diesbezüglich.

Arigato gozaimashita für die neuen Einblicke und den lehrreichen Tag!

nanna

1 Kommentar:

Küstenheini hat gesagt…

Moin nanna,

der Lehrgang im hohen Norden ist zwar schon etwas länger her, ich habe diesen bericht aber erst jetzt gefunden (mehr zufällig....).

Dein "Entsetzten" über die wenigen Kenntnisse in Sachen Heian Shodan oder anderer Shotokan-Kata liegt nicht daran, dass das Kaishindo-Dojo Mitglied in der IMAF Branch Germany ist, sondern lediglich daran, dass im Kaishindo-Dojo kein reines Shotokan-Karate unterrichtet wird.
Vielmehr ist es eine Mischung aus dem Kadgamala-Karate, Shotokan und Kyokushinkai. Wie stark nun die Einflüsse des Shotokan-Karate sind kann ich nicht genau sagen, augenscheinlich wird zumindest wenig Wert auf das Kata-System des Shotokan gelegt.
In der IMAF Branch Germany sind Dojo's / Verein / Kampfkunst- und Kampfsportschulen mit (unter anderem) unterschiedlichen Karatestilen (Shotokan, Allstyle, Goju Ryu, Kaishindo, Kyokushinkai, u.a.) organisiert. Der Großteil ist im Shotokan zu Hause - nur nicht immer funktioniert der gegeseitige Besuch der ausgerichteten Lehrgänge.

Grüße aus dem hohen Norden

Küstenheini